Diskussionkultur
Veröffentlicht in Leben im Glashaus bei November 30, 2007 von lotus-kidWarum müssen wir eigentlich immer so viel reden und schreiben und diskutieren, um dann zum Schluss zu kommen, dass sich nichts festmachen lässt?
Warum müssen wir eigentlich immer so viel reden und schreiben und diskutieren, um dann zum Schluss zu kommen, dass sich nichts festmachen lässt?
In meiner schulischen Laufbahn habe ich viel über Fortschritt und Entwicklung gehört und bin jedes Mal wieder erstaunt gewesen. Es gibt gar keinen Fortschritt. Alles bleibt doch irgendwie gleich. Ob ich mir nun einen Film reinziehe oder mir eine Geschichte am Lagerfeuer erzählt wird; ob ich im Büro sitze und mir mein Essen verdiene oder ob ich einen Büffel erlegen gehe; ob ich nun unter die Dusche muss oder mich im Fluss waschen gehe… Auch kann man nicht sagen, dass wir heute klüger sind, als unsere Vorfahren. Wem haben wir denn unseren sogenannten „Fortschritt“ zu verdanken? Uns oder unseren Vorfahren? Wären unsere Vorfahren nicht auf die Idee gekommen, uns etwas zu hinterlassen, so wären wir dem tierischen Leben ganz schön nahe (was vielleicht auch gar nicht so schlecht wäre, aber das ist ein anderes Thema). Wir haben vielleicht mehr Wissen angehäuft, aber auch das ist irrelevant, denn kein Mensch kann soviel Wissen auf einmal besitzen und zweitens tut sich mit jeder Antwort mindestens eine neue Frage auf: „Warum?“ Ich denke jeder kennt das Kinderspiel Ich-frage-solange-warum-bis-Mama-austickt. Es gibt kein absehbares Ende des Wissens. Genau sowenig, wie es ein Ende des Internets gibt.
Ich glaube ich bin etwas vom Thema abgekommen. Es gibt keinen Fortschritt war meine These. Wir haben zwar Autos und kommen schneller vom Fleck, aber ist das Fortschritt? Früher bin und brauchte ich halt nicht so weite Strecken zu fahren. Es gibt sicherlich noch unzählige weitere Beispiele aber im Endeffekt läuft es darauf hinaus, dass wir immer Menschen bleiben werden, mit denselben Problemen.
Am deutlichsten finde ich wird der nicht vorhandene Fortschritt am Geist oder der Seele oder wieauchimmer des Menschen. Ein Büro-Europäer kann genauso leer und unzufrieden sein, wie ein hart arbeitender chinesischer Reisbauer. Da ist einfach kein Unterschied, wenn man die beiden vergleichen würde.
Ich weiß grad auch nicht, worauf ich eigentlich hinauswill, also noch ein letzter Punkt.
Man kann nichts beweisen, Glaube, an was du glauben willst. Verleugne, was du verleugnen willst. Rede niemandem deinen Glauben ein, sondern behalte ihn für dich.
Das ist so ziemlich das einzige, was ich in der Philosophie gelernt habe. Irgendwo findest du immer einen Punkt, wo du einhaken kannst, wo du das System infrage stellst und letztendlich rausfindest, dass nichts richtig und nichts falsch ist. Letzten Endes also ein großes NICHTS…
Was dann noch dazu gesagt wird (nicht unbedingt in der Philosophie): Immer schön wissenschaftlich bleiben. Glaube an nichts, was du nicht gesehen hast. Du stirbst und danach ist alles vorbei oder auch nicht – spielt ja auch keine Rolle. Zum ver-rückt werden.
So kannst du auch die Mathematik infrage stellen, denn auch sie basiert auf Prämissen oder Grundwahrheiten, die das Fundament bilden, auf dem das Gebäude dann steht. Sag einfach eins ist gleich zwei und das ganze System fällt in sich zusammen. Irgendwie hat man überhaut nichts, aber auch rein gar nichts an „Wissen“ übrig. Und dann kommt ja auch noch die geniale Genforschung an und zeigt uns jedes Mal wieder, wie wenig Entscheidungsfreiheit wir haben. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Du bist was du isst? Gilt nicht mehr. Das drehen wir lieber mal rum, denn laut Genforschung isst du, was du bist. Die Gene bestimmt deinen Geschmack. Großartig. Ich glaube ich habe das Schlaf-Gen. Gute Nacht!
Junkie sein ist nicht leicht. Junkie sein ist ein Full-Time-Job. Geld beschaffen, um Drogen zu bezahlen, um high zu werden, um Geld beschaffen gehen zu können… Aus dieser Spirale kommt man nur raus – und davon gibt es zahllose Berichte – wenn man einsieht, dass man es selber nicht schaffen kann und man Hilfe von anderen annimmt. Man ist zu 100 % auf Hilfe von anderen Menschen angewiesen. Dasselbe Schema gibt es bei anderen ziemlich schwerwiegenden Krankheiten auch: Magersucht, Esssucht, Depression, Psychosen, Phobien, Zwänge… Überall hat man von sich selbst aus keine Chance, wieder ein „normales“ Leben führen zu können.
Jetzt werden einige denken: da kommt er jetzt und will mich bekehren. Ich brauch’ Gott und blablabla. Mit Bekehrung hat das an sich nichts zu tun. Eigentlich wollte ich mich hier eher an Christen richten. Auch wenn man Jesus nachfolgt, so müssen wir uns doch immer wieder bewusst werden und gerade solche, die schon „alte Hasen“ sind. Es gibt nichts beschämenderes, als selber festzustellen, dass ich nicht mehr weiterkomme Gott um Hilfe anrufe, aber sich gar nicht bewusst ist, dass man ein Junkie ist und sich selber eben nicht helfen kann. Viel lieber wird probiert und geschaufelt und auf Biegen und Brechen versucht sich selbst einen Ausweg zu buddeln.
Aber das ist nicht Gottes Weg. Er nimmt sich die Menschen, die am Ärmsten sind und die eben keinen Plan haben und macht aus ihnen etwas. Für alle die für so was immer Bibelsprache benutzen: Er will die Weisheit der Klugen zunichte machen und nach nichts aussehen lassen. Die Dummheit der Schwachen aber nimmt er an, gerade um es den Weisen zu beweisen.
Und nicht nur der einzelne ist gefragt. Ich glaube, dass es genauso in der Gemeinde aussehen sollte. Wenn man sich das Volk Israel und seine Führer/Könige anguckt, dann treten auch dort immer wieder Propheten auf, die den Weg zum Junkietum weisen: Du bist nichts, Gott macht alles. Solange die Menschen, solange du dich für etwas hältst, solange bist du nichts.
Jahrelang hatte ich zwei Probleme mit Gott. Zum einen habe ich nie verstanden, warum Gott Menschen erschaffen hat. Das ergab einfach keinen Sinn für mich. Wieso sollte jemand, der schon alles hat, etwas Neues schaffen? Das zweite Problem bestand darin, genau zu wissen, dass es keine selbstlose Handlung gibt. Jede Handlung, die ein Mensch ausführt, birgt ausschließlich egozentrische Motive in sich. Denn selbst wenn ich jemandem meine Jacke gebe, damit dieser nicht friert, beruhige ich damit mein Gewissen oder tue es, weil Gott es verlangt oder warum auch immer. Es ist und bleibt jedenfalls alles egoistisch. Du kannst niemals etwas aus reiner Selbstlosigkeit tun. Das kann man eben auch auf Gott projizieren. Selbst Jesu Tod am Kreuz war ja letztendlich nicht unbedingt sein Wille, aber er tat es aus Gehorsam, um seinen Vater - und damit auch sich - zufrieden zu stellen. Und auch Gottes Liebe ist nicht „selbstlos“ im eigentlichen Sinne. Er verlangt Liebe und Gehorsam von uns, weil er sich darüber freut. Wirklich selbstlos scheint das ja nicht zu sein…
Dann ist es mir letztens wie Schuppen von den Augen gefallen: Gottes Entscheidung, von den Menschen geliebt werden zu wollen und die Menschen zu lieben, war selbstlos. Was auch immer sich Gott dabei gedacht hat, dass werden wir wohl niemals rausfinden, für diesen einmaligen Vorgang gibt es keinen Grund, Gott hatte keinen persönlichen Vorteil davon (soweit ich das feststellen kann). Wenn aber diese Entscheidung selbstlos war, so ist auch jede darauffolgende Handlung mit den Menschen selbstlos und geschieht aus reiner Liebe. Ob nun der Auszug aus Ägypten, der Einzug ins Heilige Land, Jesu Tod am Kreuz und Auferstehung, die Errettung von Nicht-Juden – letztendlich hat doch Gott nicht einen einzigen Vorteil davon. Das ist gnädige Liebe, die unseren Glauben stärkt und uns Hoffnung schenkt.
Fasten klingt ja schon ziemlich altmodisch, dabei ist es das nicht. Es ist viel älter – uralt könnte man sagen. Die „paradiesischen“ Menschen, hatten wahrscheinlich ein viel ausgeprägteres Bewusstsein als wir heute. Wenn man sich den heutigen menschlichen Organismus anguckt, dann wird man schnell Parallelen zu tierischen und pflanzlichen Organismen feststellen können. Zum Beispiel der Drang nach Essen, Trinken, Triebbefriedigung allgemein. Im Gegensatz zu Tieren aber haben wir die Möglichkeit darüber zu entscheiden und sind nicht völlig triebgesteuert. Wenn mein Magen knurrt, kann ich mir etwas zu Essen holen oder eben auch nicht. Wenn man davon ausgeht, dass die ersten Menschen ein ausgeprägteres Bewusstsein hatten, so kann man sagen, dass sie ihren Organismus komplett unter Kontrolle hatten. Gott hat die Menschen ja nach seinem Ebenbild geschaffen und Gott ist glaube ich nicht triebgesteuert. Das heißt Mr. und Mrs. Paradise waren nicht triebgesteuert, sondern konnten genau bestimmen wie sie ihren Körper einsetzen und Nahrung zuführten. Vielleicht konnten sie sogar jede einzelne Zelle steuern.
Nun haben wir diese Fähigkeit aber zum größten Teil verloren und leben ähnlich den Tieren. Da kommt nun das Fasten ins Spiel. Fasten ist für mich ein „back to paradise“. Wir schränken unsere Triebe ein und siegen so über unseren Körper. Wenn man den Gedanken weiterspinnt, kann man leicht feststellen, dass auch sexuelle Triebe, Neu-Gier, Haben-Wollen-Sucht im Endeffekt nur darauf abzielen Triebe zu befriedigen, die wir nicht unter Kontrolle haben, aber durchaus unter unsere Kontrolle bringen können. Diese Kontrolle ergibt aber für mich nur dann Sinn, wenn ich weiß worum es geht und warum ich diese unter Kontrolle halten sollte. Für mich selbst ist es einfacher, Triebe zu befriedigen. Da benötige ich keine Konzentration oder sonst was, sondern kann mich einfach gehen lassen. Will ich meinen Körper jedoch unter Kontrolle haben, muss ich mich anstrengen, da es unser nicht-mehr-paradiesischen Natur völlig entgegen läuft. In etwa so wie eine Katze nicht „gegen den Strich“ gestreichelt werden möchte, tun wir uns auch damit schwer.
Das Ziel jedoch ist gut und wird auch denke ich jedem einleuchten: echte Freiheit. Natürlich nur in einem gewissen Rahmen. Ich würde davon abraten nie wieder etwas zu essen, aber dennoch wird durch Einschränkungen der Triebe ganz natürliche Freiheit erreicht. Zwar nur im Kopf, aber dies stärkt unsere Konzentration und wir können unseren Blick immer wieder fokussieren, um das Endziel zu erreichen.
What can I do? vs. What would Jesus do?
[Was kann ich für Gott tun? Vs. Was würde Jesus tun?]
Wo liegt also der Unterschied zwischen diesen beiden Fragen? „Was kann ich für Gott tun?“ schafft mir die Möglichkeit auszuweichen, sie geht an dem wahren Problem vorbei, der Frage nach echter Nachfolge Jesus. Ich kann immer noch selber entscheiden und mir dabei auf die Schulter klopfen, wenn ich 10 Euro spende. Anders jedoch bei der Fragen „ Was würde Jesus tun?“. Da läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ich weiß eigentlich gar nicht so recht, wie ich mit dieser Frage umgehen soll. Einerseits will ich für Jesus einstehen, andererseits birgt diese Frage eine Radikalität in sich, die seinesgleichen sucht und vor der ich mich lieber drücke um ehrlich zu sein. Was würde Jesus mit meiner Kraft anfangen? Natürlich kann ich zehn Euro spenden und habe damit etwas für Gott getan – kein Zweifel. Aber gehe ich selbst auf Obdachlose zu? Helfe ich den Ärmsten der Armen, kämpfe ich gegen Ungerechtigkeit und Leid an? Diese Frage nach praktischer Liebe muss ich verneinen und es ist wahrscheinlich, dass du diese Frage ebenfalls verneinst…
Aber gehen wir einen Schritt weiter. Wie sieht mein Verhältnis zu Arbeitskollegen, Schulfreunden, Familienmitgliedern… meinem Nächsten aus? Ist dieses geprägt von Liebe? Damit meine ich nicht die Schmetterlinge im Bauch und auch nicht das Verlangen nach Errettung von diesen Leuten, sondern ganz praktisch: Tue ich etwas für diese Menschen? Jesus hat das mit Sicherheit getan und da kommt dann die Frage nach echter Nachfolge Jesu wirklich ins Spiel. Aber frag dich jetzt nicht, ob du Christ bist oder nicht, das kann und will ich gar nicht beurteilen. Lass mich mal ein Bild gebrauchen:
Du besitzt ein Boot und schwimmst auf hoher See. Alle deine Habseligkeiten hast du an Bord. Auf dem Wasser siehst du Jesus’ Jünger, die dort herumlaufen – ohne Boot. Sie haben alles über Bord geworfen, ihr Schiff versenkt und haben die Hände frei. Ihr Glaube lässt sie auf dem Wasser laufen.
Erklärungen von Bildern mag ich eigentlich überhaupt nicht, das zerstört nur das eigene Denken, aber dennoch will ich mich an eine Auslegung wagen. Das Wasser ist hier mal der Glaube. Alle schwimmen darauf, die einen haben eben mehr, die anderen weniger. Der Schiffsjunge kann sich nun fragen, was er mit seinen Habseligkeiten anfangen will und wie er anderen Menschen helfen kann. Aber er wird nicht viel Freiheit haben. Er kann etwas für Gott tun – ohne Frage – aber die Jünger Jesu haben die Hände wirklich frei, sich um andere Menschen zu kümmern und so zu handeln wie Jesus. Sie haben Liebe, die aus ihrem festen Glauben genährt wird, deswegen gehen sie ja auch nicht unter.
Uns geht es denke ich ähnlich wie dem Schiffsjungen. Wir haben Angst unser Vertrauen zu sehr in Gott zu setzen, um nicht enttäuscht zu werden, das heißt unterzugehen. Wir gehen nicht auf die Menschen zu und packen dort an, wo Hilfe wirklich gebraucht wird. Ein Missionar ist ein Held, aber ein Evangelist im Obdachlosenheim wird ausgelacht?
Also was würde Jesus an deiner Stelle tun?