Selbst Bedingungslos

Jahrelang hatte ich zwei Probleme mit Gott. Zum einen habe ich nie verstanden, warum Gott Menschen erschaffen hat. Das ergab einfach keinen Sinn für mich. Wieso sollte jemand, der schon alles hat, etwas Neues schaffen? Das zweite Problem bestand darin, genau zu wissen, dass es keine selbstlose Handlung gibt. Jede Handlung, die ein Mensch ausführt, birgt ausschließlich egozentrische Motive in sich. Denn selbst wenn ich jemandem meine Jacke gebe, damit dieser nicht friert, beruhige ich damit mein Gewissen oder tue es, weil Gott es verlangt oder warum auch immer. Es ist und bleibt jedenfalls alles egoistisch. Du kannst niemals etwas aus reiner Selbstlosigkeit tun. Das kann man eben auch auf Gott projizieren. Selbst Jesu Tod am Kreuz war ja letztendlich nicht unbedingt sein Wille, aber er tat es aus Gehorsam, um seinen Vater -  und damit auch sich – zufrieden zu stellen. Und auch Gottes Liebe ist nicht „selbstlos“ im eigentlichen Sinne. Er verlangt Liebe und Gehorsam von uns, weil er sich darüber freut. Wirklich selbstlos scheint das ja nicht zu sein…

Dann ist es mir letztens wie Schuppen von den Augen gefallen: Gottes Entscheidung, von den Menschen geliebt werden zu wollen und die Menschen zu lieben, war selbstlos. Was auch immer sich Gott dabei gedacht hat, dass werden wir wohl niemals rausfinden, für diesen einmaligen Vorgang gibt es keinen Grund, Gott hatte keinen persönlichen Vorteil davon (soweit ich das feststellen kann). Wenn aber diese Entscheidung selbstlos war, so ist auch jede darauffolgende Handlung mit den Menschen selbstlos und geschieht aus reiner Liebe. Ob nun der Auszug aus Ägypten, der Einzug ins Heilige Land, Jesu Tod am Kreuz und Auferstehung, die Errettung von Nicht-Juden – letztendlich hat doch Gott nicht einen einzigen Vorteil davon. Das ist gnädige Liebe, die unseren Glauben stärkt und uns Hoffnung schenkt.


4 Antworten zu “Selbst Bedingungslos”

  1. Hallo, wie kommst du denn darauf, dass es keine selbstlosen Handlungen beim Menschen gibt? Was hältst du denn von Müttern, die sich selbst in Gefahr bringen, um ihr Kind zu retten? Oder von Menschen, die aus tief und aufrichtig empfundenem Mitgefühl ihren Mitmenschen Hilfe oder auch bloß Freundlichkeit geben? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du selber nicht schon mal aus einem liebevollen Impuls heraus gehandelt hast. – Also warum schreibst du sowas? Eva

  2. Hallo Eva.

    Zuallerst mal Vielen Dank für deinen Kommentar. Es freut mich zu sehen, dass du Sachen infrage stellst.
    Und du hast recht. Ich hab bestimmt mal was aus einem liebevollen Impuls heraus getan und du sicherlich auch, aber letztendlich denke ich doch, dass Liebe kein Synonym für selbstlos ist. Selbstlos bedeutet für einfach: keinen persönlichen Vorteil aus einer Sache ziehen. Ist ne schlechte Deifinition, vllt finde ich eines Tages noch eine bessere.
    Also nehmen wir die Mutter, die sich in Gefahr begibt, um ihr Kind zu retten. Das Motiv das letzten Endes dahinter steckt ist aber doch: Ich will mein Kind behalten. Ich möchte es nicht verlieren. Ich möchte, dass das Kind weiterlebt. Das sind aber alles egoistische Motive. Die Mutter denkt auch in einer solchen Situation ausschließlich an sich. Damit möchte ich nicht sagen, dass es deswegen schlecht wäre. Ganz im Gegenteil. Auch wenn das Motiv egoistisch ist, so ist die Handlung – nämlich sich selber in Gefahr zu bringen um ein anderes Leben zu retten – an sich gut!
    Und jezt stell dir vor, das Kind wäre nicht ihr eigenes, sondern der 12jährige, der ihre kleine Tochter dauernd ärgert, unhöflich ist und auch sonst nur Ärger und schlechte Stimmung verbreitet. Glaubst du, die Mutter würde immer noch so „selbstlos“ reagieren, um dieses Kind zu retten? Oder würde sie es sich nicht eher zweimal überlegen? Wenn sie es sich aber zweimal überlegt, so stellt sie automatisch das Leben ihres Kindes über das des anderen Kindes. Das eine Leben hat mehr Wert als das andere. Das ist nicht selbstlos…
    Bei Gott aber sehen wir ganz klar, dass jedes Leben gleichen Wert hat. Da ist dann also auch reine, pure, selbstlose Liebe.

    Hoffentlich hast du mich ein bisschen besser verstanden. Wenn nicht, frag einfach weiter nach.

  3. hmm, naja so ganz eindeutig ist das aber nicht…
    es gibt tatsächlich handlungen, aus denen menschen keinen direkten ersichtilichen vorteil ziehen können und diese trotzdem tun.

    trotzdem würde die frage bleiben, ob diese handlungen selbstlos sind.

    dabei müsste aber auch erstmal klären, wer denn „gut“ und „schlecht“ überhaupt bestimmt…
    gehorcht man einem impuls, da man empfindet, dass etwas „richtig“ ist?
    etc.

    wenn alles gute tatsächlich von gott kommt und somit auch die vorstellung von gut und böse, liebe und selbstlosigkeit, vom selbst usw., dann belohnt sich ein mensch praktisch selbst mit selbstlosigkeit.
    klingt echt seltsam.
    aber der lohn der gerechtigkeit scheint die gerechtigkeit selbst zu sein.
    geben ist seliger als nehmen.
    ein erlebbares prinzip, dass uns in gewisser hinsicht „belohnt“.

    eine vollkommen selbstlose tat setzt eher vollkommene unabhängigkeit voraus.
    würde ich jedenfalls mal behaupten.
    wäre nun die frage, ob man das als mensch ist oder nicht.
    wenn wir letztendlich in unserer existenz immer von gott abhängig sind, wie können wir da jemals in der lage sein, etwas vollkommen selbstloses zu tun?
    was wiederum die frage aufwirft, wie groß unsere entscheidungsfreiheit überhaupt ist…

    vllt ist ein mensch trotzdem in der lage, sich „hinzugeben“…
    selbstlos das zu geben, was er hat, ohne etwas zurückzuverlangen.
    und auch ohne einen vorteil daraus zu ziehen.
    was denke ich trotzdem bleibt ist die unmöglichkeit der vollkommenen selbstlosigkeit eines menschlichen lebens in seiner gesamtheit.
    jeder der ehrlich mit sich selbst ist, wird wohl kaum in anspruch nehmen, schuldlos zu sein (gott oder menschen gegenüber), geschweige denn, in jeder seiner handlungen selbstlos gehandelt zu haben.

    einer der wenigen, die diesen anspruch erhoben haben, war eben jesus.
    die frage, ob diagnose geisteskrank oder zumindest größenwahnsinnig und eitel oder tatsächlich gottessohn zu stellen ist, bleibt jedem kleinen arzt von uns selbst überlassen :)

    sorry für das gedankenragout.

  4. Hallo Lotus-kid,
    verstanden hab ich dich schon, trotzdem ist meine Meinung eine andere.
    Um beim Beispiel mit der Mutter zu bleiben: Eine Mutter (oder natürlich auch ein Vater) würde notfalls auch ihr (sein) leben lassen, um das Kind aus einer Lebensgefahr zu retten. Es gibt hierfür viele Beispiele. Das würde keinen Sinn machen, wenn das Handlungsmotiv ein egoistisches wäre. Ich glaube nicht, dass hinter dem Rettungsimpuls ein Für-sich-haben-Wollen steht. Die treibende Kraft ist vielmehr ein tiefer Herzensimpuls: Ich kann einfach nicht anders, als dieses kleine Wesen, das ich so sehr liebe, aus der Gefahr zu erretten, auch wenn es für mich selbst Todesgefahr bedeutet.
    Ich bin der Überzeugung, dass dieser tiefste Herzensimpuls reiner Liebe, den wir alle fähig sind zu fühlen, dem göttlichen Kern entspringt, der unser innerstes Wesen ausmacht und der uns als Kinder Gottes auszeichnet. In diesem Kern sind wir mit Gott eins und sein Ebenbild. Dieser strahlende, reine Kern ist im alltäglichen Leben von einer Menge Ego-Müll überlagert, da geb ich dir recht. Aber in bestimmten Situationen ist er doch immer wieder erfahrbar. Vor allem eben, wenn zu dem andern Menschen eine tiefe Herzensbindung besteht, wie zum eigenen Kind oder zum Liebespartner. Das tiefe Herzensband kann sozusagen alle „unreinen“ Ego-Schichten durchdringen und bis in die Regionen wahrhaft reiner Liebe hineinreichen. Weit weniger häufig können wir so tief fühlen, wenn der jeweilige Mensch uns ferner steht, so wie in deinem Beispiel. Ich glaube aber, dass es uns aufgegeben ist, diese tiefinnerst lebendige LIEBE, die die meisten von uns nur selten erfahren, in unserem Leben zur Entwicklung und immer mehr zur Erscheinung zu bringen. Also den Christus in uns mehr und mehr in die Welt und zum Ausdruck zu bringen. Gruß Eva

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